Annäherung an den Arbeitsmarkt
Der Beschäftigungspakt GENERATION GOLD unterstützt verstärkt schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose
Sie haben denkbar schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt - sogenannte "schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose" über 50 Jahre. Viele von ihnen haben keine Berufsausbildung, hinzu kommen weitere Handicaps wie gesundheitliche Probleme, Sprachdefizite, familiäre Schwierigkeiten oder Schulden. Und doch ist eine Rückkehr in den Beruf möglich. Der Beschäftigungspakt GENERATION GOLD unterstützt seit 2008 gezielt Langzeitarbeitslose mit multiplen Vermittlungshemmnissen. Seit Anfang des Jahres 2010 gibt es in OWL 400 weitere Plätze für diese Zielgruppe. Die Erfahrungen in dem Projekt "Brücken zur Arbeit 50plus" in Gütersloh und in einem Coachingangebot in Bielefeld zeigen, dass auch arbeitsmarktferne Frauen und Männer über 50 wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen können, wenn sie intensiv und individuell begleitet werden.
Schon in der ersten Förderphase von GENERATION GOLD ist deutlich geworden, dass einige Erwerbslose mehr Unterstützung brauchen und mit den regulären Instrumenten wie Qualifizierung oder Praktikum nicht in den Arbeitsmarkt zu integrieren sind, erklärt Pakt-Koordinatorin Anne Meuer-Willuweit. "Wenn jemand nicht lesen kann oder große gesundheitliche Probleme hat, ist selbst ein Praktikum kaum möglich." Vor diesem Hintergrund ist 2008 in Gütersloh das Projekt "Brücken zur Arbeit 50plus" gestartet, das eng mit dem GENERATION-GOLD-Projekt "Solitär" in Gütersloh vernetzt ist. Erkennen beide Projektpartner, dass TeilnehmerInnen mehr Unterstützung brauchen, vermitteln sie die Frauen und Männer weiter an das ESTA-Bildungswerk. Jeden Monat werden so vier bis fünf Personen bei "Brücken zur Arbeit50plus" neu aufgenommen. Bis zum Projektende im Dezember 2010 stehen 120 Plätze zur Verfügung.
Zu Beginn der Beratung geht es oft erst einmal um ganz lebenspraktische Dinge, von einer neuen Brille bis zur Schuldenberatung. Projektleiterin Martina Flick vom ESTA-Bildungswerk gGmbH Gütersloh aktiviert zum Beispiel eine Teilnehmerin einen Termin beim Augenarzt zu planen oder ein Rezept für ein wichtiges Bluthochdruckmedikament zu beschaffen. Sie überlegt mit Betroffenen, wie sie Essprobleme und starkes Übergewicht in den Griff bekommen können, und hilft bei Behördengängen. "Es geht um die kleinsten Dinge des Alltags", sagt Martina Flick. Doch bevor die nicht geklärt sind, ist an das Thema „Arbeit“ nicht zu denken.
Quartiersbezogenes Coaching in Bielefeld
Die Menschen in ihrer Lebenssituation stabilisieren, darauf konzentriert sich auch das Coachingangebot der Regionalen Personalentwicklungsgesellschaft mbH (REGE) in Bielefeld. Das Besondere hier ist der quartiersbezogene Ansatz mit dezentralen Büros in sozial schwachen Stadtteilen. Die Berater gehen dorthin, wo die Menschen wohnen und beziehen das soziale und familiäre Umfeld in die Beratung mit ein. Auch das Thema Gesundheit wird aufgegriffen. Dieser "ganzheitliche Blick" hat sich bewährt, sagt Projektleiter Yasin Sever. Derzeit nutzen rund 100 Bielefelderinnen und Bielefelder das niedrigschwellige Unterstützungsangebot in ihrem Quartier.
Am Anfang der Beratung stehen intensive Gespräche und ein Profiling. Anschließend entwickeln die REGE-Mitarbeiter gemeinsam mit den Betroffenen eine Strategie, um die Probleme zu lösen, die eine Arbeitsaufnahme aktuell verhindern. Sie vermitteln zum Beispiel in Sprach- oder Alphabetisierungskurse, stellen Kontakte zu Fachleuten und Hilfeeinrichtungen in der Region her und bieten gleichzeitig gezielte Unterstützung bei der Arbeitssuche, organisieren Bewerbungstrainings und bereiten auf Vorstellungsgespräche vor. "Wir richten uns ganz nach dem Bedarf der Arbeitsuchenden und schauen uns jeden einzelnen Fall genau an", sagt Yasin Sever. "Unser Vorteil ist, dass wir deutlich mehr Zeit haben", ergänzt seine Kollegin Claudia Pipos, der es wichtig ist, Vertrauen zu den Teilnehmenden aufzubauen.
Selbstbewusstsein und Motivation aufbauen
Ähnlich geht auch Martina Flick vor. "Ich lerne die Menschen im Laufe der Zeit sehr gut kennen und weiß, wo wir ansetzen müssen." Parallel zum individuellen Coaching erarbeitet jeder Teilnehmende bei "Brücken zur Arbeit 50plus" eine Bewerbungsmappe, wird in Sachen EDV geschult und hat die Möglichkeit, sich in der Gruppe auszutauschen. "Es geht darum, das Selbstbewusstsein und die Motivation wieder aufzubauen und auch mal Träumereien zuzulassen: Was habe ich noch für Ziele? Was will ich und was kann ich?" Martina Flick versucht mit den Männern und Frauen Ansätze zu entwickeln, was in ihrem Leben noch möglich ist und zeigt, was sie durch Arbeit gewinnen können: Soziale Kontakte, Anerkennung und das Gefühl, noch gebraucht zu werden. Da ist zum Beispiel die stark übergewichtige Frau, die nach vielen Gesprächen eine Beratung wegen ihrer Ess-Störung beginnt und familiäre Probleme mit ihrer Mutter angeht. Inzwischen hat die Frau 20 Kilo abgenommen, ein Praktikum in einer Pflegeeinrichtung gemacht und eine berufliche Perspektive gefunden.
In kleinen Schritten zum Erfolg
Die Begleitung der Langzeitarbeitslosen ist zeitintensiv, aber die Arbeit lohnt sich, davon sich die Berater überzeugt. "Wenn es einmal Klick macht und ein Teilnehmer erlebt, dass er ein Problem lösen kann und es Auswege gibt, dann ist schon viel gewonnen", sagt Yasin Sever. Und manchmal führt die zusätzliche Hilfe auch noch einen Schritt weiter ins Berufsleben. Ein Beispiel dafür ist ein langzeitarbeitsloser Tierarzt aus dem Irak, der kaum Deutsch sprach und keinen Führerschein hatte. Mit Unterstützung des Beschäftigungspaktes absolvierte der 54-Jährige einen Deutsch-Sprachkurs, machte den Führerschein und eine Qualifizierung. Außerdem hat die REGE geholfen, dass seine Ausbildung soweit wie möglich anerkannt wird. Am Ende des Weges stand ein Praktikum in einem Chemie-Labor. Inzwischen hat der Mann, der als "nicht vermittelbar" galt, hier eine sozialversicherungspflichtige Stelle gefunden und ist wieder in Arbeit.
Mit der Unterstützung für schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose ist GENERATION GOLD auf Bundesebene "Pakt des Monats".
www.perspektive50plus.de/kampagnenjahr/pakt_des_monats/